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Schwangere finden in Berlin kaum noch Hebamme für Entbindung

Engpass in der Geburtshilfe: Viele freiberuflich arbeitende Beleghebammen geben auf, weil sie die teure Haftpflichtversicherung nicht zahlen können. Schon heute suchen werdende Eltern oft verzweifelt.

Morgenpost, 22.12.2013, Annette Kuhn


Eine Geburt zu betreuen ist für Emine Babac die schönste Seite ihres Berufs. Für die 36-Jährige ist es ein besonderer Moment, wenn sie das Neugeborene nach der Entbindung der glücklichen Mutter auf den Bauch legt. Emine Babac arbeitet freiberuflich als Beleghebamme, einen anderen Beruf kann sie sich nicht vorstellen. Beleghebammen begleiten werdende Mütter während der Schwangerschaft, gehen mit ihnen in die Klinik, wenn die Wehen einsetzen, und betreuen sie nach der Entbindung. Doch leisten können sie sich ihren Beruf kaum noch.

In den vergangenen zehn Jahren ist der Beitrag für die Haftpflichtversicherung für Hebammen in der Geburtshilfe um das Zehnfache gestiegen. Sie zahlen heute fast 4500 Euro Versicherungsprämie pro Jahr - bei einem Nettoverdienst von rund acht Euro in der Stunde. Nun soll im kommenden Jahr der Beitrag um weitere 20 Prozent erhöht werden.

Für viele Hebammen rechnet sich damit die Geburtshilfe nicht mehr. Zwar liegt die Zahl der Hebammen in Deutschland seit Jahren bei etwa 19.000, in Berlin bei 900, aber es hat eine deutliche Verschiebung stattgefunden. „Etwa 20 Prozent sind seit der massiven Erhöhung der Beiträge aus der Geburtshilfe ausgestiegen“, sagt Susanna Rinne-Wolf, Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes.

Liegezeiten in Kliniken nach Entbindungen werden immer kürzer

Marion Brüssel, die seit 22 Jahren als Hebamme in der Geburtshilfe arbeitet, hat den Eindruck, dass es noch mehr sind: „Vor Kurzem war ich bei einem Treffen mit Kolleginnen, mit denen ich Examen gemacht habe. Von denen ist heute kaum noch eine in der Geburtshilfe.“ Die anderen konzentrieren sich jetzt vor allem auf die Begleitung der Schwangerschaft und die Wochenbettbetreuung. Außerdem bieten sie Kurse an. Damit verdienen sie ähnlich, zahlen aber weniger für die Versicherung.

Bedarf an Hebammen auch in diesem Bereich gibt es genug, betont Susanna Rinne-Wolf, vor allem, „weil die Liegezeiten in den Kliniken nach einer Entbindung immer kürzer werden, auch nach einem Kaiserschnitt“. Wurde eine Frau noch vor einigen Jahren nach einem Kaiserschnitt frühestens nach fünf Tagen entlassen, verlässt sie das Krankenhaus heute häufig bereits nach drei Tagen.

Zu diesem Zeitpunkt ist sie zu Hause noch auf Unterstützung durch eine Hebamme angewiesen. Besonders in den Randbezirken und in den Sommermonaten kommt es aber bei der Nachsorge immer wieder zu Engpässen, hat die Vorsitzende des Hebammenverbandes beobachtet.

Eine Geburt mit Beleghebamme wird immer mehr zum Luxus

Am größten ist die Unterversorgung allerdings in der Geburtshilfe. Susanna Rinne-Wolf rechnet damit, dass es bald noch weniger Beleghebammen geben wird, wenn die Versicherungsbeiträge tatsächlich weiter steigen. Schon heute muss Emine Babac den meisten Eltern absagen, die verzweifelt auf der Suche nach einer Beleghebamme sind. „Ich bin bereits bis Juli 2014 ausgebucht.“ Wer eine Beleghebamme haben möchte, müsse sich eigentlich schon direkt nach dem Schwangerschaftstest auf die Suche begeben. Eine absurde Situation, denn zu diesem Zeitpunkt denkt noch kaum jemand an die Entbindung.

Eine Geburt mit Beleghebamme wird immer mehr zum Luxus, auch weil die Rufbereitschaftspauschale inzwischen bei 500 Euro, teilweise sogar deutlich darüber liegt. Die Rufbereitschaftspauschale ist die einzige Dienstleistung, für die Hebammen die Gebühr selbst festlegen können. Um überhaupt die hohe Versicherungssumme bezahlen zu können, bleibt vielen nichts anderes übrig, als die Pauschale anzuheben. Allerdings wird über sie auch die hohe Flexibilität abgegolten. Mit der Rufbereitschaft verpflichten sich die Hebammen dazu, ab drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin immer erreichbar zu sein.

Weil der Geburtstermin nie genau zu kalkulieren ist, nimmt Emine Babac selten mehr als drei Frauen im Monat zur Geburt an, „sonst kann ich keine verantwortungsvolle Betreuung leisten“. Viele Kolleginnen betreuen mehr Geburten, damit sich die Versicherungsprämie rechnet, denn der Beitrag ist immer gleich hoch. Marion Brüssel sieht darin keinen guten Trend: „Wie gut eine Geburt läuft, hängt vor allem von der individuellen Zuwendung ab. Wenn ich mich um zu viele Frauen kümmere, kann ich die nicht mehr leisten.“

Geburtshaus Pankow und Praxis Fera sind schon dicht

Besonders hart wirkt sich die Belastung durch die Versicherung auf die Geburtshäuser aus. Im Geburtshaus Pankow können Frauen bereits seit zwei Jahren nicht mehr gebären, seit diesem Sommer auch nicht mehr in der Praxis Fera in Tempelhof. „Wenn es zu einer weiteren Erhöhung der Versicherungsbeiträge kommt, werden noch mehr Geburtshäuser schließen“, fürchtet Susanna Rinne-Wolf.

Als Grund für die gestiegenen Beiträge geben die Versicherer die zunehmende Zahl von Klagen und Schadensersatzforderungen an, wenn es zu Komplikationen nach der Geburt kommt. Und da in der Geburtsmedizin Regressforderungen noch nach 30 Jahren möglich sind, kann eine Hebamme auch Jahrzehnte nach einer Geburt verklagt werden.

So geht es nicht weiter, sagt die Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes. Immerhin ist die Verbesserung der Situation der Hebammen im schwarz-roten Koalitionsvertrag festgeschrieben, doch Susanna Rinne-Wolf ist skeptisch, ob dieser Absichtserklärung auch Taten folgen. Dabei gibt es durchaus Ideen und Modelle. Marion Brüssel plädiert für einen Versicherungsfonds zur Deckelung der Beiträge.

Vorbild England - Einsatz von Supervisionshebammen

Emine Babac greift eine Idee aus England auf, wo sie eine Zeit lang gearbeitet hat. Dort sei durch den Einsatz von Supervisionshebammen die Zahl der Klagen deutlich zurückgegangen. Supervisionshebammen werden dann hinzugezogen, wenn Eltern gegen medizinischen Rat eine bestimmte Behandlung bei der Geburt wünschen. Gemeinsam wird dann ein genauer Behandlungsplan erstellt, der detailliert protokolliert wird. Dies ist eine wichtige Entlastung für die Geburtshelfer, falls es doch zu Komplikationen kommt.

Damit sich etwas ändert, müsse aber vor allem die Arbeit der Hebammen stärker wertgeschätzt werden, glaubt Susanna Rinne-Wolf, und sie sieht dabei auch einen wirtschaftlichen Aspekt: „Hebammen arbeiten präventiv und damit kostensparend. Wenn die Eltern mit ihren vielen Fragen zum Baby jedes Mal zum Arzt laufen, wäre das viel teurer.“

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